Politik (in) der Krise. Eine transnationale Geschichte des Ausnahmezustands im 19. und 20. Jahrhundert

Dr. Amerigo Caruso

Corso Venezia mit Soldaten und Bevölkerung

Darstellung der Mailänder Unruhen 1898 in der deutschen Presse (Illustrierte Zeitung 12.5.1898, S. 673).

Die bisherige Forschung hat sich überwiegend auf politisch-rechtliche und verfassungsgeschichtliche Aspekte des Ausnahmezustands konzentriert und dabei vor allem die Machterweiterung von Staatsorganen sowie rechtstheoretische Debatten untersucht. So ist die Mehrheit der Studien aus (national-)staatlicher Perspektive angelegt. Im Rahmen des vorliegenden Projekts werden bisherige Zugänge in zweifacher Hinsicht erweitert. Mit Blick auf Frankreich, Deutschland, Italien und ihre kolonialen Imperien stehen zum einen transnationale Verflechtungen von Normen, diskursiven Mustern und politischen Handlungsrepertoires des Ausnahmezustands im Fokus. Zum anderen untersucht das Projekt mediale Inszenierungen, gesellschaftliche Rezeptionen und die Konstruktion außerordentlicher Krisensituationen anhand von sozialen Ungleichheitskategorien wie gender, class und race. Die Wahrnehmung bestimmter Krisen und Konflikte als Ausnahmezustand wird hier als Produkt geschlechterspezifischer Zuschreibungen, rassistischer und sozialer Stigmatisierungen aufgefasst. Diese transnationalen und gesellschaftshistorischen Dimensionen des Ausnahmezustands werden anhand von Fallstudien untersucht, die in einen langen Untersuchungszeitraum eingebettet sind: vom Zeitalter der Revolutionen um 1800 bis hin zum verstärkten postkolonialen und demokratischen Wandel in den 'langen' 1960er Jahren. Damit analysiert das Projekt unterschiedliche Kontexte der Expansion, Intensivierung und Transformation des Ausnahmezustands im 19. und 20. Jahrhundert und fragt nach zeitspezifischen Ausprägungen sowie diachronen Zusammenhängen.


Dr. Amerigo Caruso
Ludwig und Margarete Quidde Fellow
April – September 2023
acaruso[at]uni-bonn[dot]de