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Dr. Stefan Bauer

Onofrio Panvinio (1530-68) und seine Kirchengeschichte

Ein römischer Gelehrter zwischen Reich und Kirche, Humanismus und Gegenreformation Projektplan für das DHI Rom

Mein Forschungsprojekt soll Onofrio Panvinio (1530-68) zum Thema haben. In seinem kurzen Leben – er starb im Alter von 38 Jahren – brachte dieser produktive Autor ungefähr 70 publizierte und unpublizierte Schriften hervor, von denen viele noch heute auf eine Untersuchung warten. Man kann Panvinio als einen der bedeutendsten Experten seiner Zeit für profane und kirchliche Chronologie ansehen [1].  Seine Schriften zur römischen Altertumskunde sind jüngst von Jean-Louis Ferrary in einer Monographie behandelt worden [2].  Nachdem Panvinio in den 1550er Jahren seine berühmte Wendung von der profanen zur geistlichen Geschichte vollzogen hatte, produzierte er eine monumentale Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica). Sie liegt in der vatikanischen Handschriftensammlung in 14 massiven Manuskriptbänden vor [3].  Diese Bände beinhalten seine eigene Darstellung zusammen mit Sammlungen von Exzerpten, die er selbst zusammenstellte oder anfertigen ließ.

Die Herausgabe und Neuauflage jeglicher Werke Panvinios wurde 1569, kurz nach dessen Tod, von Papst Pius V. untersagt [4].  Seine unpublizierten Manuskripte bewahrte erst Giacomo Savelli, der mächtigste Kardinal der Inquisition, auf. Seit den 1580er Jahren wurden sie in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt [5]. 
 
Zu dieser Zeit mußte die katholische Kirche jedoch eine Antwort auf die große protestantische Kirchengeschichte, die sogenannten Magdeburger Zenturien (1559-74), geben. In diesem Kontext wurden verschiedene Anstrengungen unternommen, Panvinios Kirchengeschichte zu edieren, unter Einbeziehung solch prominenter Persönlichkeiten wie Kardinal Guglielmo Sirleto und dem Kontroverstheologen Robert Bellarmin [6].  Als Vorbereitung stellte Bellarmin eine Liste von Punkten im ersten Band von Panvinios Werk zusammen, die seiner Meinung nach zensiert werden sollten [7].  Obwohl dieses Zensurdokument seit längerer Zeit bekannt ist, ist es doch nie analysiert und mit dem Text Panvinios verglichen worden. Ich habe eine Anzahl weiterer Dokumente im Archiv der Glaubenskongregation (Archiv der Kongregation für den Index der verbotenen Bücher) im Vatikan entdeckt, die im Zusammenhang mit dem Panvinio-Editionsprojekt stehen. Die Notwendigkeit, Panvinios Kirchengeschichte zu publizieren, nahm ab, als 1588 die Annales ecclesiastici des Baronius zu erscheinen begannen, die die offizielle römische Antwort an die Protestanten darstellten [8].  Es wurden keine weiteren Versuche mehr unternommen, eine Edition von Panvinios Kirchengeschichte herauszubringen.
Zwischen 1475 und 1600 gab es drei herausragende Kirchenhistoriker in Rom: Bartolomeo Platina, Onofrio Panvinio und Caesar Baronius. Meine Doktorarbeit am Warburg Institute, London, behandelte Platinas Papstgeschichte (Vitae pontificum, 1475) und ihren Einfluß im sechzehnten Jahrhundert, als Platinas offene Kritik der kirchlichen Moral die Popularität des Werks erhöhte. Baronius ist gut bekannt als strenger Apologet der katholischen Tradition. Das Verbindungsglied zwischen den beiden in der Kette katholischer Historiographie war Onofrio Panvinio. Ein Augustiner-Eremit seit dem Alter von 14 Jahren, nahm er nicht den freien humanistischen Ansatz eines Platina auf (dessen Vitae pontificum er bis ins sechzehnte Jahrhundert fortsetzte), war aber auch kein hartnäckiger Apologet wie Baronius. Statt dessen versuchte er, von der Profangeschichte kommend, in Pionierarbeit die Kirchengeschichte wissenschaftlich fundiert zu behandeln [9].

Arbeitsplan

1)
Panvinios große Kirchengeschichte ist bisher noch nie untersucht worden; man ist selbst über ihren Inhalt kaum unterrichtet [10].  Es ist daher erstens mein Plan, die Struktur des Werks und Panvinios Arbeitsmethoden im Detail zu untersuchen und zunächst diese fundamentale Forschungslücke zu schließen.


2) Zusätzlich möchte ich die Gründe dafür herausfinden, warum das Werk nie publiziert wurde: War es persönliche Feindseligkeit gegenüber Panvinio, die Lethargie der kirchlichen Bürokratie oder vielleicht das kontroverse Material, das darin enthalten war? Die Antworten scheinen in Panvinios politischen Einstellungen zu liegen. Er genoß über seinen Mäzen, Kardinal Alessandro Farnese, vielfältige Beziehungen ins Reich und traf z.B. den späteren Kaiser Maximilian II. 1559 in Augsburg. In seiner Schrift über die Kaiserwahlen, De comitiis imperatoriis, behandelte Panvinio das empfindliche Thema der Rechte des Kaisers in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche. 1562 widmete er De comitiis Maximilian; und er stellte eine überarbeitete Fassung für Johann Jacob Fugger her. Panvinio behandelte die Rechte der Kaiser in bezug auf die Ernennung von Bischöfen und Äbten sowie den Investiturstreit, und er pries die höchste Gewalt, die die Kaiser in Italien vor Entstehen des Kurfürstenkollegiums besaßen. Panvinios Kirchengeschichte muß untersucht werden, um zu sehen, ob sie ähnliches politisches Gedankengut enthielt, welches zu ihrer Ablehnung durch die Kirche geführt haben könnte.


3) Abschließend ist dieser Kirchenhistoriker und sein Werk genauer im Kontext des römischen intellektuellen Lebens um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zu verorten – einer Zeit, als mehr und mehr gelehrte Arbeit den Zielen des Konzils von Trient gewidmet wurde. Panvinio stand an der Wegscheide zwischen der wissenschaftlichen Freiheit der humanistischen Tradition und der religiösen Polemik der Gegenreformation.

Ausblick und Einbindung des Projekts


Es ist im weiteren Verlauf mein Plan, dieses Projekt zu Panvinio als Grundstein in ein Habilitationsprojekt mit dem Titel „Das römische Konzept von historia und memoria in der Neuzeit“ einzubinden. Dabei ist eine Untersuchung ex fontibus vom Konzil von Trient bis zum Ersten Vatikanum vorgesehen. Die weiteren zu behandelnden Hauptquellen, etwa auch sozialgeschichtlicher Art, sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend festgelegt.

[1] W. McCuaig, Carlo Sigonio, Princeton, NJ 1989, S. 273: „the major European scholar of profane and sacred chronology“. Vgl. auch A. Zumkeller, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 6, 1993, s.v. Panvinio, Sp. 1486-89: „überragender Historiker mit bahnbrechenden Schriften zur römischen Altertumskunde und zur Kirchengeschichte ... Ein Großteil seiner Manuskripte mit einem reichen Schatz an Material zur Geschichte des christlichen Rom, der Päpste und Kardinäle ist noch nicht veröffentlicht.“

[2] Ferrary, Onofrio Panvinio et les antiquités romaines, Rom 1996 (Collection de l’École française de Rome, 214).

[3] Onofrio Panvinio, Historia ecclesiastica, BAV, Vat. lat. 6102-6106, 12113-12121.

[4] Brief des Kardinals Michele Bonelli an den Nuncio Giovanni Antonio Facchinetti v. 12.1.1569, in: Nunziature di Venezia, Bd. 8, hg. v. A. Stella, Rom 1963, S. 481.

[5] Vgl. K. A. Gersbach, „Onofrio Panvinio’s Brother, Paolo, and His Role in the Posthumous Edition of the ‚De primatu Petri et Apostolicae Sedis potestate‘ and the Purchase of Onofrio’s Manuscripts for the Vatican Library“, in: Analecta Augustiniana 56 (1993), S. 241-64.

[6] Zu Bellarmin vgl. jetzt P. Godman, The Saint as Censor. Robert Bellarmine between Inquisition and Index, Leiden, Boston u. Köln 2000 (Studies in Medieval and Reformation Thought, 80).

[7] Bellarmin, „Censura in primum tomum Historiae ecclesiasticae Fratris Onuphrii Panvinii, facta mandato bonae memoriae Iacobi Cardinalis Savelli“, BAV, Vat. lat. 6105, fol. 8r-19r; ed. X. M. Le Bachelet, in: ders. (Hg.), Auctarium Bellarminianum, Paris 1913, S. 554-64.

[8] Baronius, Annales ecclesiastici, 12 Bde., Rom 1588-1607. Zu Baronius vgl. V. Frajese, in: C. Nativel (Hg.), Centuriae Latinae. Cent une figures humanistes de la Renaissance aux Lumières offertes à Jacques Chomarat, Genf 1997, s.v. Baronio, S. 85-89.

[9] Panvinio, in: Platina, Historia de vitis pontificum Romanorum, Köln 1568, S. 344: „Ante annos circiter XIV ... ab historiis profanis conscribendis ad ecclesiasticas res, usque ad ea tempora a paucis aut leviter tentatas aut omnino neglectas, tractandas et explicandas animum converti.“

[10] Daß ihre Untersuchung ein authentisches Desiderat darstellt, wurde mir in Gesprächen mit den beiden Spezialisten Prof. Jean-Louis Ferrary (Directeur CNRS, Paris) und Karl A. Gersbach, OSA (Director, Augustinian Historical Institute, Villanova, USA) nachdrücklich bestätigt.