Kritische Edition der griechischen und lateinischen Urkunden Graf Rogers I. von Sizilien
Nach der Eroberung Südkalabriens und Siziliens konzentrierte sich Graf Roger I. zunächst auf die innere Befriedung und Stabilisierung seines Herrschaftsbereiches. Durch die Neuorganisation der Verwaltung, des Ämterwesens und der sizilischen Kirchen- und Klosterstruktur legte Roger I. eine entscheidende Grundlage für die normannische Monarchie. Bei seinem langfristigen Ziel der Latinisierung und in Zusammenarbeit mit dem Papsttum auch der Romanisierung Siziliens hatte der Graf jedoch auf die griechisch-byzantinischen Traditionen und den in weiten Teilen der Insel zahlenmäßig dominierenden arabischen Bevölkerungsanteil Rücksicht zu nehmen. In diesem Kontext ist die Förderung und Neugründung griechischer Klöster zu verstehen. Vor allem in den Bereichen der Verwaltung und dem Urkundenwesen übernahm Roger I. byzantinisch-griechische und arabische Traditionen und paßte sie an die normannischen Bedürfnisse an.
Die Urkunden
Eine kritische Edition der Urkunden des ersten Grafen von Sizilien steht bis heute aus. Die letzten Versuche, einen größeren Teil seiner griechischen und lateinischen Urkunden zu edieren, reichen ins 18./19. Jahrhundert zurück [1]. Hingegen wurden zumindest die lateinischen Diplome der normannischen Könige auf Sizilien durch den Codex diplomaticus Regni Siciliae kritisch erschlossen [2]. Eine vollständige Edition der griechischen Urkunden der Königszeit fehlt jedoch ebenfalls.
Ein Teil der Urkunden Rogers I. wurde nach arabischer Tradition zunächst auf Papier ausgefertigt und später, vor allem zur Zeit Rogers II., auf Pergament übertragen. Die Wahl von Papier als Beschreibstoff führte zu großen Verlusten unter den Originalurkunden des Grafen. Da die Mehrheit der Bevölkerung Kalabriens und Siziliens griechisch oder arabisch sprach, wurden die Urkunden Rogers I. vorwiegend in Griechisch ausgestellt. Die griechischen Privilegien Rogers I. ähneln sowohl hinsichtlich formaler wie auch inhaltlicher Merkmale den Verfügungen der hohen Amtsträger in der byzantinischen Provinzverwaltung. Denn an diesen hatten sich die griechischen Notare des Grafen orientiert [3].
Dem Stand meiner aktuellen Recherchen zufolge sind 78 Urkunden Rogers I. überliefert, darunter fünf griechisch-arabische und zwei griechisch-lateinische πλατείαι (Hörigenlisten). Die Originalurkunden Rogers I., von denen aus den genannten Gründen nur noch wenige erhalten sind, wie auch die Abschriften auf Pergament aus dem 12./13. Jahrhundert befinden sich vor allem in sizilianischen Archiven (Archivio Capitolare di Patti, Archivio di Stato di Palermo und Archivio Capitolare di Palermo, Archivio Capitolare di Catania), in Toledo (Archivo Ducal Medinaceli) und in Rom (Archivio della Basilica di S. Giovanni in Laterano, Archivio del Collegio Greco di Roma und Biblioteca Vaticana). Am DHI in Rom (Nachlaß Salomon) und an der Universität Palermo (Collezione C. A. Garufi) werden photographische Aufnahmen von heute verlorenen Urkunden Rogers I. aufbewahrt [4].
Das Projekt
Die unzureichende Erschließung des urkundlichen Materials hat sicherlich dazu beigetragen, daß Roger I. bislang in der mediävistischen Forschung vernachlässigt wurde. Ziel der geplanten kritischen Edition ist es, die Urkunden Rogers I. einem weiteren Kreis von Wissenschaftlern zugänglich zu machen und dadurch neue Forschungen über die sizilisch-normannische Geschichte anzuregen.
Der Edition der einzelnen Urkunden mit einem kritischem Anmerkungsapparat werden ein ausführliches Regest, Ausstellungsort und -datum, Angaben zur handschriftlichen Überlieferung, zu Reproduktionen, Editionen und Regesten sowie Bemerkungen mit diplomatischen und inhaltlichen Kommentaren vorausgehen. Auch alle heute verlorenen Urkunden Rogers I., deren Existenz ausreichend nachzuweisen ist, sollen in der Edition erfaßt werden. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Beurteilung der Echtheit der Urkunden gelegt. Bei den gefälschten oder interpolierten Stücken soll insbesondere untersucht werden, inwieweit der inhaltliche Kern der Verfügung unverdächtig ist und auf welchen Zeitpunkt der Eingriff zu datieren ist.
[1] Für die lateinischen Urkunden siehe PIRRI R., Sicilia sacra disquisitionibus et notitiis illustrata, ed. MONGITORE A., 2 Bde., Palermo 1733 und für die griechischen CUSA S., I diplomi greci ed arabi di Sicilia, Pubblicati nel testo originale, tradotti ed illustrati, Bd. I, Teil 1 u. 2, Palermo 1868 und 1882 (Ndr. Köln-Wien 1982). Einzelne weitere Urkunden Rogers I. wurden durch Garufi, Trinchera, Collura und Ménager publiziert.
[2] Codex diplomaticus regni Siciliae, Series prima: Diplomata regum et principum e gente Normannorum, ed. BRÜHL C./GIUNTA F./GUILLOU A.; Series secunda: Diplomata regum e gente Suevorum, ed. BRÜHL C./GIUNTA F.
[3] Zu den einzelnen Bestandteilen einer solchen byzantinischen Beamtenurkunde vgl. VON FALKENHAUSEN V., Il documento greco in area longobarda (secoli IX-XII), in: VITOLO G./MOTTOLA F. (a cura di), Scrittura e produzione documentaria nel Mezzogiorno longobardo, Atti del Convegno internazionale di studio, Badia di Cava, 3-5 ottobre 1990, Badia di Cava 1991, S. 171-175.
[4] COLLURA P., La collezione fotografica C. A. Garufi presso l’Istituto di Storia Medievale dell’Università di Palermo, in: RÜCK P. (Hg.), Fotografische Sammlungen mittelalterlicher Urkunden in Europa, Historische Hilfswissenschaften 1, Sigmaringen 1989, S. 113f.
Weitere Literaturhinweise:
BECKER J., Die griechischen und lateinischen Urkunden Graf Rogers I. von Sizilien, QFIAB 84 (2004) S. 1-37.
COLLURA P., Un sigillo inedito del Gran Conte Ruggero per il monastero di Lipari, in: Atti della Accademia di Scienze, Lettere e Arti di Palermo ser. 4, 15, Palermo 1955, S. 321-333.
COLLURA P., Le più antiche carte dell’archivio capitolare di Agrigento (1092-1282), Documenti per servire alla storia della Sicilia ser. 1, 25, Palermo 1961.
ENZENSBERGER H., Beiträge zum Kanzlei- und Urkundenwesen der normannischen Herrscher Unteritaliens und Siziliens, Münchner Historische Studien, Abt. Geschichtliche Hilfswissenschaften 9, Kallmünz/Opf. 1971.
FALKENHAUSEN V. von, Documenti greci nell’Archivio Storico Diocesano di Palermo, in: TRAVAGLIATO G. (a cura di), Storia & Arte nella scrittura. L’Archivio Storico Diocesano di Palermo a 10 anni dalla riapertura al pubblico (1997-2007), Atti del Convegno Internazionale di Studi, Palermo, 9-10 novembre 2007, Palermo 2008, S. 427-453.
FALKENHAUSEN V. von, I diplomi dei re normanni in lingua greca, in: DE GREGORIO G./KRESTEN O. (a cura di), Documenti medievali greci e latini: studi comparativi, Atti del seminario di Erice, 23-29 ottobre 1995, Spoleto 1998, S. 253-308.
GARUFI C. A. (a cura di), I documenti inediti dell’epoca normanna in Sicilia, Parte Prima, Documenti per servire alla storia di Sicilia pubblicati a cura della Società Siciliana per la Storia Patria ser. 1, 18, Palermo 1899.
MÉNAGER L.-R., Notes critiquessurquelquesdiplômesnormands de l’Archivio Capitolare di Catania, Bullettino dell’Archivio paleografico italiano n. s. 2-3, II (1956-57) S. 145-174.
SPATA G., Le pergamene greche esistenti nel grande archivio di Palermo, Palermo 1861.
TRINCHERA F., Syllabusgraecarummembranarum, Napoli 1865.