Ars dictaminis, politische Sprache und städtisches Selbstverständnis in den oberitalienischen Kommunen des 12. Jahrhunderts
Der Gattungsbegriff ars dictaminis umfasst Lehrbücher über das regelgerechte Abfassen von Briefen, das im Mittelalter, aber nicht nur damals, einer Vielzahl komplizierter Vorschriften und einer diffizilen Etikette verpflichtet war. Erstmals löste sich in ihnen die Briefrhetorik als eigenes sprachliches System aus den Traditionen mündlicher Oratorik. Reihenweise wurden in ihnen bisweilen in die Hunderte gehende Musterbriefe inseriert, die zum Teil Kopien nachweislich echter Briefe sind, zum großen Teil aber auch fiktiver Briefe sehr kreativen Inhalts. So bieten diese Texte eine Mischung aus vergleichsweise spröden Grammatikregeln, antiker Rhetoriktradition und erheiternden Fiktionen. Dieser vermeintlich unhistorische Inhalt bedingte ein nur dürftiges Interesse an tief gehender Forschung.
Ein einleitender bereits vollendeter Teil des Projekts widmet sich der Entstehung der ars dictaminis im kurialen Umfeld des so genannten Investiturstreits. Richtig zur Blüte kam die ars dictaminis allerdings erst am Beginn des 12. Jahrhunderts in den oberitalienischen Kommunen in einem Ambiente, in dem die alten Formulae, also gewissermaßen Schablonen, mit denen vorangehende Generationen Briefe verfasst hatten, nicht mehr zu der zunehmend differenzierten Gesellschaft und dem rasanten Wachstum des wirtschaftlichen Schriftverkehrs passten. Mit dem Aufkommen der Kommunen konnte die neue gewählte Verwaltung nur funktionieren, weil jedem Amt Notare zugeordnet waren, die in der ars dictaminis geschult waren und deren Aufgabe darin bestand, ihnen vorgelegte Themen angemessen in Latein auszudrücken. In Verbindung mit dieser Ausbildung in schriftlicher Rhetorik steht ein anderes Phänomen der Kommunen. Denn sowohl ausländische als auch kommunale Geschichtsschreiber des 12. Jahrhunderts verweisen immer wieder auf die besondere Eloquenz der Italiener und speziell der Vertreter aus den Kommunen. Immer wieder berichten die Historiographen von Reden in Volksversammlungen und Ratssitzungen. Handbücher über das regelkonforme Halten von Reden erscheinen ab circa 1200, beim Einzug des Podestà wurden regelmäßig wohl gesetzte Reden vor dem Volk erwartet, für die wiederum Mustersammlungen entworfen wurden.
Wenn also für das kommunale Selbstverständnis im 12. Jahrhundert die Eloquenz von so zentraler Bedeutung war, wenn Chronisten die Eloquenz der Vertreter der Städte immer wieder betonen, wenn die Fähigkeit, öffentliche Schriftstücke aufzusetzen, allerorten gefragt war, wenn allerorten neue artes dictandi entstanden, um diese gefragten Fähigkeiten zu vermitteln, dann gewinnen die artes dictandi als Medien politischer Rhetorik über die in der Forschung vorherrschenden philologischen Fragen hinaus eine besondere Bedeutung für die Erforschung des Selbstverständnisses der Oberschicht in den Kommunen, der politischen Diskurse und politischen Sprache sowie allgemein für die Erforschung der kommunalen Gesellschaft. Für Analysen kommunaler Politik und kommunalen Lebens im 12. bieten die artes dictandi bislang völlig vernachlässigte Hinweise, die im laufenden Forschungsprojekt zusammen mit grundlegenden Ergebnissen über Entstehung, Verbreitung und Funktion der ars dictaminis erstmals systematisch in ihrem sozialen Umfeld analysiert werden. In diese Untersuchungen werden neben philologischen Fragen auch solche zum voruniversitären Unterricht in Italien sowie zum Verhältnis von Lehrern und Schülern einbezogen.